Selbstreflexion mit The Work

 

The Work

 

Ein Gastartikel von Jana Steinmaier über die Selbstreflexionstechnik „The Work“ von Byron Katie als praktische Übung für den Alltag. Eine Technik, die ich selbst gerne nutze und die erstaunliche Ergebnisse hervor bringt.

 

Der Arztbesuch

Das passierte mir letzte Woche: Ich suche wegen Schulterschmerzen meinen Hausarzt auf. Um eine genaue Diagnose stellen zu können, schlägt er vor, ein MRT anfertigen zu lassen. Als er dann im Nebensatz eher rhetorisch fragt: „Sie haben doch kein Problem mit Enge?“ und schon den Hörer in der Hand hat, um einen Termin für mich auszumachen, wird mir erst bewusst, was da auf mich zukommt: Ich soll für eine gefühlte Ewigkeit in diese enge, laute Röhre, in der man sich nicht mal ein kleines bisschen bewegen darf. Bei dieser Vorstellung wird mir ganz flau. Und als der Arzt mir nach seinem Telefonat mitteilt, dass er überraschenderweise gleich für den nächsten Tag einen Termin für mich bekommen hat, geht der innere Tanz erst so richtig los.

Auf dem Nachhauseweg versuche ich zu ergründen, was da in mir so ein mulmiges Gefühl produziert. Denn eigentlich ist ja an dieser Untersuchung nichts gefährlich und es gibt sicher sehr viel Unangenehmeres als für zwanzig Minuten still und schmerzlos liegen zu müssen.

Ich komme schnell dahinter, dass schlichtweg Angst an mir nagt:

· Angst, panisch zu werden in diesem beklemmenden Apparat.
· Angst, dass die Untersuchung abgebrochen werden muss, weil ich mich so „anstelle“.
· Angst, den Unmut des dort arbeitenden Personals auf mich zu ziehen.
· Angst, mich lächerlich und kindlich zu verhalten.

Die Work von Byron Katie

In einem Moment wie diesem bin ich immer heilfroh, dass ich The Work von Byron Katie kenne und so für mich sorgen kann. Mithilfe The Work kann ich stressige Gedanken daraufhin überprüfen, ob sie tatsächlich so wahr sind, wie ich im ersten Moment glaube. Ich wende The Work an, wann immer ich merke, dass ich mich unwohl fühle: ängstlich, wütend, frustriert. Möchte man es auf den Punkt bringen, kann man sagen, The Work eine meditative Selbstreflexion. Man kann sich durch den Prozess begleiten lassen und es ist ebenso kein Problem, sich selbst zu begleiten. The Work besteht aus vier Fragen und sogenannten Umkehrungen. Wenn Du Dich dafür interessierst, nehme ich Dich gerne mit auf meine Reise.

Frage 1: Ist das wahr?

So beginne ich mit der Untersuchung des Gedankens: Ich werde panisch reagieren. Ich stelle mir vor, wie ich in dieser engen Röhre liege und stelle mir die erste Frage aus The Work: „Ich werde panisch reagieren. Ist das wahr?“ Meine Antwort kommt überzeugt und blitzschnell: „Ja!“

Frage 2: Kann ich absolut sicher sein, dass das wahr ist?

Also auf zur nächsten Frage aus The Work. Ich stelle mir wieder vor, in dieser beklemmenden Röhre zu liegen und mich unwohl zu fühlen. „Kann ich absolut sicher sein, dass ich panisch reagieren werde?“ Ein innerer Dialog beginnt. Ein Teil von mir meint: „Ja, ich merke ja, wie ängstlich ich bin, also kann ich mir schon recht sicher sein, auch panisch zu werden.“ Ein anderer Teil ist nachdenklich: „Hm, ja, das stimmt schon, aber ehrlich gesagt, es wirklich wissen, ob ich panisch reagieren werde, kann ich nun auch wieder nicht!“ Die Feststellung, dass es möglicherweise also auch anders sein könnte, lässt mich etwas freier atmen. Ich beantworte Frage 2 also mit „Nein, absolut sicher kann ich nicht sein, dass ich panisch reagieren werde.“

Frage 3: Wie reagiere ich, was passiert, wenn ich den Gedanken glaube?

Wieder rufe ich mir die Situation in der engen Röhre ins Bewusstsein. Ich stelle mir die nächste Frage: „Wie reagiere ich, was passiert, wenn ich den Gedanken glaube, dass ich panisch reagieren werde?“ und mache eine Art Bestandsaufnahme:

– Ich merke, wie mein Herz klopft.
– Meine Hände werden feucht.
– Ich erinnere mich an andere Situationen, in denen es mir zu eng war, beispielsweise in Räumen, in denen viele Menschen anwesend waren.

Ich kann einen richtigen Film vor meinem geistigen Auge ablaufen sehen, in dem die Untersuchung beginnt, ich in die Röhre geschoben werde, vor Angst, keine Luft zu bekommen oder verrückt zu werden, total panisch werde und nur noch da heraus will. In meiner Fantasie sehe ich, wie das Personal unzufrieden mit mir ist, meine Angst nicht versteht, mich ausschimpft.

Ich gebe mir einen Moment, all den Emotionen und Befürchtungen, die in mir beim bloßen Glauben dieses Gedankens schon so viel Stress auslösen, einmal nachzuspüren. Ich stelle fest und erkenne an: Aha, so fühle ich mich also gerade wirklich, so geht es mir. Kein Wunder, dass ich Angst habe, panisch zu werden. Ich entwickle Mitgefühl mit mir selbst. Nun, da ich ausgesprochen habe, wie es mir geht, kann ich mich selbst besser verstehen. Jetzt weiß ich, was mit mir los ist. Ich habe benannt, was vorher ein „Gefühlsknäuel“ war.

Und was mir darüber hinaus noch auffällt: Ich sehe nun auch, wie ich in meiner Fantasie mit den dort arbeitenden Menschen umgehe: Ich gehe nämlich insgeheim davon aus, dass sie grob und unprofessionell mit mir umgehen werden. Puh, gut, dass ich dieses schiefe Bild bemerkt habe.

Frage 4: Wie wäre es ohne den Gedanken?

Jetzt wird es spannend. Mal angenommen, ich läge noch immer in dieser engen Röhre und würde mich zwar sicher nicht allzu wohl fühlen, hätte aber nicht mehr den Gedanken „Ich werde panisch reagieren“ zur Verfügung – wie wäre es in diesem Moment ohne den Gedanken?

Die bloße Abwesenheit des Gedankens bewirkt, dass ich mit allen Sinnen wahrnehme, wie mein Körper sich dann anfühlt und wie ich dort liege. Ich lausche den vielfältigen Geräuschen des Gerätes. Ich bin sogar in der Lage, zu sehen, dass diese Untersuchung wichtig für mich, für meine Diagnose, ist. Ich entspanne mich. Es ist nur eine Untersuchung und bald ist sie sogar vorbei.

Diese Gedanken führen dazu, dass ich mich wieder geerdeter fühle. Ich bin ruhig und sogar dankbar, dass es diese Möglichkeit gibt, um herauszufinden, was mit meiner Schulter los ist.

Den Gedanken mit The Work umkehren

Nachdem man sich die vier Fragen aus The Work gestellt hat, versucht man für den Ausgangssatz sogenannte Umkehrungen zu finden und schaut, ob diese Umkehrungen ebenso wahr wie der Ausgangssatz sein können und eventuell sogar zutreffender. Man versucht dann Beispiele für jede Umkehrung zu finden, die sich „echt“ und stimmig anfühlen.

Eine Umkehrung zu „Ich werde panisch reagieren“ ist die Umkehrung ins Gegenteil: „Ich werde nicht panisch reagieren.“ Hm, könnte das auch stimmen? Ich erinnere mich, dass ich vor vielen Jahren schon mal solch eine Untersuchung hatte, das hatte ich schon fast vergessen. Damals bin ich nicht panisch geworden, daher kann es sein, dass ich es auch diesmal ohne Panik überstehe. Das fühlt sich beruhigend an. Ich werde nicht panisch reagieren – ja, das ist möglich, weil ich weiß, dass mein Mann, der mich dorthin fährt, in der Nähe sein wird. Es kann auch sein, dass ich mich zwar nicht besonders wohl fühle, aber das ich die Enge und die lauten Geräusche trotzdem aushalten kann. Diese Erkenntnis tut gut.

Eine weitere Umkehrung wäre: „Ich werde vertrauensvoll reagieren.“ Hm, stimmt das auch? Ja, ich bin so vertrauensvoll, dass ich den Termin wahrnehme, mich in die Röhre begebe, obwohl ich mich unsicher fühle. Ich werde so vertrauensvoll sein, Fragen zu stellen, wenn ich etwas wissen möchte oder das Personal um etwas zu bitten. Und ich habe Vertrauen zu mir, dass ich das schaffen werde.

Eine andere Umkehrung lautet: „In meinen Gedanken werde ich panisch reagieren.“ Ich kann sehr gut sehen, dass das total wahr ist. Schon im Sprechzimmer beim Arzt fing ich ja in Gedanken an, ängstlich zu werden. Das ging so weiter, bis ich mir immer mehr Sorgen machte und Befürchtungen als echt empfand, deren Eintreten gar nicht bewiesen ist. Ich mache mir in Gedanken sogar so viel Angst, dass ich den Gewinn dieser Untersuchung gar nicht mehr sehen kann. Jetzt, da ich bemerkt habe, dass die Angst nicht real ist, sondern nur in meiner Vorstellung existiert, wirkt sie plötzlich wie ein enttarntes Gespenst, von dem kaum etwas übrig bleibt. Puh, durchatmen.

Nachdem ich durch The Work gegangen bin, bin ich ruhiger und gelöster und habe Zuversicht, den kommenden Tag gut zu überstehen.

In der Röhre

Im Krankenhaus, in dem das MRT gemacht werden soll, stelle ich am nächsten Tag erstaunt fest, dass ich viel ruhiger bin als angenommen. Eine Grundanspannung ist da, aber keine Panik.

Nach kurzer Wartezeit werde ich aufgerufen und die Angestellte weist mich ein, wie ich mich auf das Gerät legen soll. Sie drückt mir einen weichen Ball in die rechte Hand, den sie als „Notfallknopf“ bezeichnet. Ob ich den brauchen werde? Dann sagt sie noch, dass ich ganz still liegen muss und dass die Untersuchung ungefähr fünfzehn Minuten dauern wird.

Es geht los, ich fahre in die Röhre ein. Oh, es ist noch enger als ich es mir vorgestellt habe. Angst wallt kurz hoch, mein Herz klopft mir bis zum Hals. Ich bin versucht, den Notfallknopf zu drücken. Ich versuche mich zu konzentrieren. Wie war das noch mal: Ach so, es sind nur meine Gedanken, die panisch sind. Hm, stimmt. Ich werde ruhiger.

Nachdem ich zuvor mit The Work die Gedanken zur zukünftigen Situation so intensiv untersucht habe, befrage ich mich nun selbst zur tatsächlichen Situation: Abgesehen von dem, was ich fühle und denke – geht es mir gut? Ja, es geht mir gut. Ich liege auf einer Unterlage, die mich hält und mich im wahrsten Sinne des Wortes unterstützt. Ja, ich kann atmen. Ja, ich habe einen Notfallknopf da, den ich jederzeit drücken kann. Ja, ich bin okay.

Ich entspanne mich, so gut es geht. Ich denke daran, dass ich stolz sein werde, es geschafft zu haben. Dass ich froh bin, hinterher ein Ergebnis haben werde, das mir helfen wird, wieder schmerzfrei zu werden. Dankbarkeit und Zuversicht breiten sich in mir aus.

Nach fünfzehn Minuten kommt die Angestellte und erklärt die Untersuchung für beendet. Ich hab’s geschafft und freue mich. Und ich habe tatsächlich nicht panisch reagiert! Dank The Work mit ihren vier Fragen und ihren Umkehrungen habe ich immer ein hilfreiches Tool dabei, das absolut alltagstauglich ist. Wäre das etwas für Dich? Probiere es doch einmal selbst aus.

Jana Steinmaier

www.diegedankenprueferin.com

Jana Steinmaier hat „The Work“ 2012 kennengelernt und ist seit 2014 ausgebildeter Coach für The Work (vtw) und somit vertraut mit dunklen Gedanken und ihrer Befragung. Sie wohnt in Homberg/Efze ist Lehrerin, Redakteurin und Anwärterin zur Heilpraktikerin für Psychotherapie.

Durch diesen Artikel bin ich auf Jana aufmerksam geworden: http://www.zeitzuleben.de/ein-nicht-wirklich-misslungenes-abendessen/